Neue Westfälische: "Grünkohlessen mit Biss"

11.11.2017

Bildungspolitik: Die neue NRW-Schul-ministerin Yvonne Gebauer (FDP) gab sich bei ihrem Besuch in Gütersloh kämpferisch angesichts zahlreicher Herausforderungen der nächsten Jahre Von Florian Sädler

 

Kreis Gütersloh. Ein halbes Jahrhundert in einer jeden Institution garantiert eine Menge mit-erlebter Höhen und Tiefen. Besonders gilt das für politische Parteien und dort zuletzt speziell für die FDP. Karl-Heinz Kissing ist seit 50 Jahren Freier Demokrat, dafür wurde er am Donnerstag-abend im Restaurant Amadé geehrt. Zum Jubiläum und traditionellen Grünkohlessen war niemand geringeres als NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer anwesend. 

 

1966, als der Gütersloher Kissing in die Partei eintrat, für die er unter anderem als Fraktions-vorsitzender fungierte und in verschiedensten Ausschüssen aktiv war, wurde die Schulministerin der neuen schwarz-gelben Landesregierung geboren. Diese Gemeinsamkeit stellte Yvonne Gebauer gleich zu Beginn ihrer Rede heraus, die zunächst Glückwünsche, dann eine Warnung brachte. Grünkohl sei ja keine leichte Kost, und das gelte ebenso für die Schulpolitik. "Aber Sie haben das ja in Kombination gewählt, deswegen müssen Sie da jetzt mit mir zusammen durch", so die Ministerin der FDP. 

 

In der folgenden knappen Stunde stellte sich heraus, dass diese Warnung nur halb im Scherz zu verstehen gewesen war. Die Herausforderungen, vor denen Gebauer und ihr Ministerium stehen, seien nicht zu unterschätzen. Lehrerversorgung, Inklusion, Integration und Zuwanderung, Digita-lisierung sowie die G8/G9-Frage: In diese fünf Hauptthemen teilte Gebauer ihren Vortrag ein und skizzierte die Probleme. Im Umgang mit Mängeln und Fehlentwicklungen will die Ministerin sich grundsätzlich an ihr Motto halten: "Gutes bewahren, Neues wagen und Veränderungsprozesse herbeiführen." Im Idealfall sollen zum Ende der Legislaturperiode hin große Schritte dahin gemacht worden sein, "dass Aufstieg durch Bildung für alle möglich" sei. 

 

Das grundlegende Problem in den kommenden fünf Jahren: Bevor alle Kraft auf Fortschritt verwendet werden könne, müssten häufig zunächst Mängel beseitigt werden. Ihre Ziele, so Gebauer, werde sie nicht erreichen, wenn der aktuelle Zustand sich nicht verändere - die Strukturen, Rahmenbedin-gungen und Statistiken. Dazu gehören aktuell 2.139 unbesetzte Lehrerstellen, laut Gebauer knapp die Hälfte davon an Grundschulen. Auch stellten 95.000 zugewanderte Schüler mit Bedarf an Deutsch-förderung, die in die Regelschulen übergehen sollen, das System vor große Herausforderungen. Für die Rückkehr zu G9 fehlten allein in Köln aktuell 150 Klassenräume, die in den letzten Jahren aufgegeben wurden oder für Deutschkurse mit Geflüchteten genutzt wurden. Und da die Bundesregierung bis auf weiteres damit beschäftigt sei, sich selbst zu bilden, könne man auch 2018 noch nicht damit rechnen, Mittel zur Verfügung gestellt zu bekommen. Gleichzeitig werde vorhandenes Geld teils nicht abgerufen, weil es in den Kommunen an Personalkraft fehle, um die dafür nötigen formalen Prozesse zu durchlaufen.

 

Ginge es nach ihr, würde sie mehr gestalterisch agieren als sanierend zu reagieren. Die jeweilige Situation aber erfordere in vielen Fällen zunächst eine Analyse der Mängel, die Erarbeitung von Lösungsstrategien und deren oft zeitintensive Umsetzung. 

 

Gebauer gab sich am Abend noch immer kämpferisch, nachdem sie bereits Termine in Dortmund, Minden und Petershagen abgearbeitet hatte und im Amadé gelegentlich auf das Wasserglas am Pult angewiesen war, um die Stimme geschmeidig zu halten. Die breite Front an unterschiedlichsten Problemen ging die Kölnerin zumindest rhetorisch mit Pragmatismus und Entschlossenheit an, ohne auf abstrakten Pathos zurückzufallen. Unverblümt direkt legte sie dar, warum bestimmte Förderprogramme eingestampft werden müssten, manche Schulen Inklusion schlicht nicht leisten könnten und andere auf Lehrkräfte angewiesen seien, die ohne Lehramtsstudium quer in den Beruf einsteigen. Das sei alles nicht ideal - aber anders ginge es gerade eben nicht.

 

Umgesetzt, das stellte Gebauer ebenfalls heraus, werde die Politik in weiten Teilen nicht in Düsseldorf, sondern in Ortsverbänden wie dem in Gütersloh. Deshalb müsse sich die Parteispitze vor allem auch mit der Basis auseinandersetzen, denn "Politik kann und muss vieles anstoßen, aber nur gemeinsam kommen wir ans Ziel." Eine Aussage, die Karl-Heinz Kissing wohl unterschreiben würde. Er ist der FDP durch sämtliche Probleme und Umwälzungen der letzten 50 Jahre treu geblieben: "Es lohnt sich", so der Gütersloher Jubilar. "Besonders in der jetzigen Zeit, wo wieder frischer Wind weht."