Neue Westfälische "Einzelhandelsgutachten"

25.10.2008

„Gigantische Gutachten, keine Daten“

 

FDP stellt Plausibilitätsgutachten in Sachen Einzelhandelskonzept und Einkaufszentrum vor

 

Wenn man, zum Beispiel, in Verl feststellte, dass mehr als zehn Prozent der von Verlern erworbenen Textilien im geplanten Gütersloher Gazit-Shoppingcenter erstanden würden, könnte Verl rechtlich gegen den Kaufkraftabzug einschreiten. Das sei nach dem neuen NRW-Einzelhandelserlass möglich, sagte am Freitag Dr. Thomas Schwarze.

 

Solches nicht zu berücksichtigen, ist nur eine der Schwächen, die der Kommunalberater im Einzelhandels- und Zentrenkonzept von Junker und Kruse (JK) und der Gazit-Wirkungsanalyse der GfK erkennt.

 

Schwarze, Lehrbeauftragter an der Uni Münster, hat im Auftrag der FDP die beiden Gutachten auf Plausibilität untersucht. JK hält er eine „relativ starre Planerperspektive“ und bisweilen „ideologische Scheuklappen“ vor. GfK suche die Realität etwas besser abzubilden. Schwarze sieht aber auch eine „Gutachtergläubigkeit in der Stadtverwaltung“. JK biete etwa drei verschiedene Abgrenzungen der Innenstadt, sei „blind für Angebotsdifferenzierungen im Einzelhandel“.

 

Besonders zu der Kunden-Herkunftserhebung findet Schwarze „keinerlei verwendbare Ergebnisse“. Hier müssten, so der gebürtige Gütersloher, eigentlich die Händler, die dies wissen müssten, Auskunft gegen können. Auch die Bevölkerung sei überhaupt nicht nach ihrer Meinung zur Grundversorgung befragt worden. Konkret werde etwa das Defizit bei Möbeln weder von JK noch von GfK thematisiert.

 

Eine große Diskrepanz herrsche zwischen den Zahlen zu Umsätzen und Einzugsgebieten. Beide Büros nähmen weder Bezug auf das regionale Einzelhandelskonzept OWL noch auf die Entwicklungen in den Nachbarkommunen (Rheda plane einen Fachmarktbereich mit 10.000 Quadratmetern, Oelde mit 7.000). Schwarze: „Gütersloh steht mit gigantischen Gutachten, aber eigentlich immer noch ohne Daten da.“

 

Vor allem kritisierte der Kommunalberater, eine „theoretische Datenbasis, die mit der Lebenswirklichkeit gar nicht viel zu tun hat.“ Er selbst könne sich die Projekte Gazit und Finke mit zusammen 20.000 Quadratmetern vorstellen. Unbedingt aber müssten Händler und Kunden befragt werden.

 

FDP-Fraktionschef Dr. Wolfgang Büscher, der Schwarze beauftragt hatte, sagte, man sei bisher weder für noch gegen Gazit, wolle aber eine Attraktivitätssteigerung und keine Innenstadtbrachen. Schwarzes Feststellungen seien bereits Vertretern aller Fraktionen vorgelegt worden und hätten nachdenklich gestimmt.