Neue Westfälische "Kommentar zu Gutachten"

18.10.2008

Gütersloh preist sich gern als Stadt der Bücher. Vor einiger Zeit war gar von der Stadt des Schlaganfalls zu lesen, wegen der hier beheimateten Stiftung zur Hilfe bei dieser Erkrankung. Ganz sicher darf Gütersloh den Titel Stadt der Gutachten für sich beanspruchen.

 

Immerhin hat niemand dem Fazit von FDP-Ratsherr Wolfgang Büscher im Planungsausschuss am Donnerstag widersprochen. Der hatte das Gremium mit einem Dialog mit seiner Frau über das jüngste Einzelhandels- und Zentrenkonzept amüsant unterhalten: Er: „Das ist meiner Meinung nach für die Tonne.“ Sie: „Aber das sagst Du nicht öffentlich!“ Er: „Sondern?“ Sie: „Das ist für die Schublade.“ „Die ist doch längst voll mit Gutachten.“

 

Und dennoch muss in der Schublade noch ein weiteres Platz finden: das der Gfk-Marketing, das die Innenstadt-Verträglichkeit eines großen Einkaufszentrums bei Wellerdiek und/ oder eines kleineren bei Finke am Kolbeplatz untersucht hat. Denn die Kommunalpolitiker scheinen damit so recht nichts anfangen zu können. Sie wollten nichts überstürzen, die Entscheidung genau abwägen, sich jetzt noch nicht festlegen, hieß es am Donnerstag allenthalben in der Debatte über die Expertise.

 

Eine Richtung gab der Ausschuss nicht zu erkennen. Klar ist somit nur eins: Dass alles weiter unklar ist. Dabei hatten alle Beteiligten zwei Wochen Zeit, sich mit den Ergebnissen auseinander zu setzen.

 

Und was passiert als nächstes: Vermutlich wird das nächste Gutachten in Auftrag gegeben. Die FDP hat – was in der Verwaltung und auf den anderen Fraktionsbänken ungläubiges Kopfschütteln hervorrief – ohnehin schon eins auf eigene Rechnung erstellen lassen, zögert aber noch mit der Bekanntgabe der Ergebnisse. So deutet einiges darauf hin, dass es zur Auslastung der besagten Schublade beiträgt. Auch die Gazit- Gegner lassen nicht locker, sie verlangen offenbar ein Plausibilitätsgutachten, dass die Gfk-Ergebnisse durchleuchtet.

 

Nicht ausgeschlossen freilich, dass der Ausschuss selbst weitere offizielle Untersuchungen veranlasst. Indizien dafür, dass noch ein Gutachten droht, gibt es nämlich bereits. So hat die CDU deutlich zu verstehen gegeben, dass sie bei der Gfk-Untersuchung eine Aussage dazu vermisst, wieviel zusätzliche Verkaufsfläche in der Innenstadt optimal wäre – also die größtmögliche Attraktivitätssteigerung bei minimaler Belastung des Ladenbestands. Und die Grünen, sie wollen noch die Null-Variante untersucht haben: Was passiert, wenn gar nichts passiert?

 

Sie können noch so viele Gutachten bestellen, entscheiden müssen die Politiker selbst, und am besten nicht erst dann, wenn Investoren weitergezogen sind, sei es für das Finke- oder sei es für das Gazit-Vorhaben.

 

Damit es weitergeht, müssen aber endlich auch die Investoren mehr aus der Deckung kommen. Wer will das Finke-Projekt realisieren, und wie sollen die von der Gfk erhobenen Wirtschaftlichkeitsbedenken zerstreut werden? Was hat Gazit in den vergangenen Monaten unternommen, um eine bessere Anbindung an die Fußgängerzone herzustellen und eine anspruchsvolle Architektur und Belegung der geplanten Mall sicherzustellen? Das sind Fragen, die jetzt beantwortet werden könnten und müssten.

 

Vielleicht sollten die Politiker mal ans andere Ende der Innenstadt schauen. Da wächst nicht nur das neue Theater. Da vervollständigt, und das war eine der besten Nachrichten in dieser Woche, bald noch ein Tagungs-Hotel das neue Gütersloher Veranstaltungszentrum. Das hat die Verwaltung ohne jegliches Gutachten hingekriegt.