Westfalen-Blatt "Drittes Gymnasium hätte ungeahnte Folgen"

31.10.2007

VON RAINER HOLZKAMP

 

Gütersloh. Die Gütersloher Schullandschaft gerät aller Wahrscheinlichkeit nach schon bald heftig in Bewegung. So wird der Ruf nach einem dritten Gymnasium seit Monaten immer wieder laut. Zwar zeichnet sich in dieser Frage auch eine breite Zustimmung ab. Doch die Verantwortlichen halten sich nach einem Treffen hinter verschlossenen Türen mit offiziellen Erklärungen betont zurück. Sie wollen unter allen Umständen vermeiden, dass der Schulfrieden ohne Not in Gefahr gerät.

 

Denn nach NW-Informationen hätte die Inbetriebnahme eines dritten Gymnasiums unmittelbare Auswirkungen auf die beiden noch verbliebenen Hauptschulen Nord und Ost. Schuldezernent Andreas Kimpel sprach gestern von „reinen Spekulationen“. Jedoch scheint es derzeit darauf hinauszulaufen, dass die seit Jahren unter rückläufigen Anmeldezahlen leidende Schulform im Norden konzentriert wird, damit das neue Gymnasium bereits vorhanden Platz Am Anger nutzen kann.

 

Denn eines ist nicht nur für die Verwaltung klar: Ein Gymnasium-Neubau, wie von der FDP seit langem vehement gefordert, „kommt für uns überhaupt nicht in Frage“, wie Kimpel betonte. Ansonsten hielt sich der Dezernent unter Hinweis auf die vertrauliche Unterredung mit den schulpolitischen Sprechern der Ratsfraktionen Ende voriger Woche äußerst bedeckt.

 

Ähnlich die Politiker. Ingrid Tiedtke-Strand (SPD) wollte den bevorstehenden Beratungen von Fraktion und Partei „nicht vorgreifen“. CDU-Schulexperte Thomas Foerster kündigte eine Entscheidung bis zum kommenden Frühjahr an, sprach sich wie Kimpel jedoch schon heute klipp und klar gegen einen Neubau aus: „Wir haben über das Ganze gesehen kein Raumproblem.“ Somit sei eine Zusammenlegung der beiden Hauptschulen zugunsten eines neuen Standortes für ein Gymnasium durchaus in Betracht zu ziehen.

 

Dem Vernehmen nach sollen in den kommenden Wochen bis zur Einbringung des neuen Schulentwicklungsplans aber auch Alternativen erneut geprüft werden. Eine davon: Können mehr Eltern dazu bewegt werden, ihre Kinder statt am Gymnasium an einer der beiden Gesamtschulen anzumelden, wo noch die Möglichkeit besteht, nach insgesamt 13 Jahren das Abitur zu machen.

 

Bereits verworfen wurden offenbar Pläne, die Raumnot an den Gymnasien mit Anbauten zu beheben. Am derzeit fünfzügigen Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) fehlt schlicht der Platz: Um ein neues Klassenraumsystem umzusetzen, würden ohnedies schon die städtischen Räume gegenüber an der Daltropstraße benötigt.

 

Und das Städtische Gymnasium hat mit mehr als 1.600 Schülern und sieben Zügen pro Jahrgang unter pädagogischen Aspekten die Kapazitätsgrenze längst erreicht. Bei einem weiteren Ausbau würde nach Ansicht von Fachleuten ein schwer zu beherrschender Schultanker entstehen.

 

Ob die Verwaltung einfach abwartet und auf sinkende Anmeldungen setzt, scheint ebenfalls ausgeschlossen. Im landesweiten Vergleich liegt die Übergangsquote von der Grundschule zum Gymnasium mit 32 Prozent 6 Prozent unter dem Durchschnitt, und alle rechnen mit einem Anstieg in den nächsten Jahren.

 

Dezernent Kimpel warnte freilich ausdrücklich vor „Schnellschüssen“. Der Verwaltungsvorstand werde das Thema unter städtebaulichen, finanziellen und schulpolitischen Aspekten gründlich beleuchten und dann eine gemeinsame Empfehlung abgeben.

 

Die FDP wäre bereit, so ihr Experte Wolfgang Büscher, sich von dem anvisierten Neubau zu verabschieden. Der jetzt in die Diskussion gebrachten Umnutzung einer vorhandenen (Haupt-)Schule stehen die Liberalen aufgeschlossen gegenüber.

 

Doch neben der SPD vermeiden es auch FDP und CDU sich in dieser Frage aus dem Fenster zu lehnen. „Es darf nicht dabei herauskommen, dass die Hauptschule als Verlierer dasteht“, betonte Thomas Foerster. Im Gegenteil solle sie gestärkt aus dem Prozess hervorgehen, etwa mit zusätzlicher berufs- und praxisorientierter Förderung. Ähnlich sieht das Wolfgang Büscher: „Es darf keinen Kampf der Schultypen untereinander geben.“