Westfalen-Blatt "Landeswahlparteitag"

11.07.2005

Stadthalle wird zur Kathedrale

FDP-Landesversammlung wählt Dr. Guido Westerwelle zum Spitzenkandidaten

 

Gütersloh (rec). Falls im September gewählt werden sollte, falls CDU und FDP danach die Regierung stellen und falls Dr. Guido Westerwelle dann Außenminister werden sollte - also falls das alles eines Tages eintreffen sollte, dann war Gütersloh der Ort, dem Westerwelle seinen Erfolg verdankt. 

 

Die Landeswahlwahlversammlung der FDP nominierte ihn gestern in der Stadthalle mit 93,1 Prozent zum nordrhein-westfälischen Spitzenkandidaten. Westerwelle jedenfalls sieht gute Chancen, dass alles so kommen wird. Seine Präsenz am Tisch des Vorstandes sorgte dafür, dass auch politisch interessierte Bürger, die keinem FDP-Bezirksverband angehören, gestern Mittag einmal kurz im großen Saal der Stadthalle vorbeischauten. Sie tauchten in eine blau-gelb geschmückte Kathedrale ein, in der Westerwelle seinen Anhängern noch einmal die liberalen Glaubenssätze auffrischte: »Leistung muss sich wieder lohnen. Wer arbeitet, muss mehr verdienen, als jemand, der nicht arbeitet.« - »Wir kämpfen nicht um Posten und Mandate, nicht einmal für unsere eigene Partei. Wir kämpfen dafür, dass ein Aufschwung in Deutschland endlich wieder möglich wird.« - »SPD, PDS und Grüne wollen unisono eine neuen Reichensteuer einführen. Wir wollen keine Neidgesellschaft, keinen Klassenkampf. Wir wollen, dass endlich wieder Arbeitsplätze geschaffen werden.«

Die von der CDU erwogene Mehrwertsteuer-Erhöhung lehnt Westerwelle nicht rigoros ab, er will sie aber »bekämpfen«. Höhere Steuern erhöhten nur die Schwarzarbeit, schmälerten die Kaufkraft und flössen zum Teil in Landeshaushalte, um dort Löcher zu stopfen. Kräftigen Applaus erhielt Westerwelle für seine Warnungen vor einer neuen »Linksfront« aus SPD, »PDS-Lafontaine« und Grünen, mit der eine Wiederbelebung der kommunistischen und sozialistischen Umverteilungs-Ideologie drohe. Applaus aber gab es auch für Westerwelles Forderung, Zwangsheiraten in muslimischen Familien künftig unter Strafe zu stellen. »Die Zwangsverheiratung junger Frauen ist Ausdruck eines fundamentalistischen, islamistischen Milieus. Das gehört mit allen rechtsstaatlichen Mitteln ausgetrocknet.«

Heiner Kamp aus Versmold, Spitzenkandidat der FDP im Kreis Gütersloh, landete wie erwartet auf Platz 21 der Landesreserveliste. Gute Chancen auf einen Einzug in den Bundestag hat Gudrun Kopp (Kreis Lippe, Platz 4), berechtigte Hoffnungen kann sich Frank Schäffler (Kreise Herford und Minden-Lübbecke) machen. Auf den Fluren und Foyers jenseits der Kathedrale führten die Delegierte Hintergrundgespräche, tranken Kaffee oder informierten sich, welche Werbemittel sie zum vielleicht bevorstehenden Wahlkampf bestellen können. Blau-gelbe Zündholzschachteln mit FDP-Aufdruck kosten neun Euro je hundert Stück, Einwegfeuerzeuge sind für 31 Euro zu haben, Kugelschreiber für 15,45 Euro. Neben den üblichen Straßengeschenken können die Wahlkämpfer aber auch Original-FDP-Polierschwämme, -Brotdosen, -Staubtücher oder -Taschenlampen erwerben. Mal sehen, für was sich die hiesigen Wahlkämpfer entscheiden. Die Wahl wird spannend.